Der Karneval in Venedig
Man kann zum Teil auch hier von der wahren Natur des Menschen sprechen, dessen immenses Bedürfnis eben darin besteht, die übliche Zeitordnung anzufechten. Auch diese Negation aber muss ihre sozialen Rahmen bekommen, durch welche einerseits eine “Besonderheit” überhaupt möglich, und andererseits auch die unabdingbare Rückkehr zur “Normalität” des Alltags gemacht wird. Mit anderen Worten: Ohne Alltäglichkeit gibt es keinen Karneval, und ohne Karneval ist das Alltägliche nicht denkbar.
Im Karneval erscheinen alte, kaum wandelbare Verhaltensweisen und Überzeugungen als Teil einer weit verbreiteten “Volksreligion”, die in dieser besonderen Zeit unüblich viele Gläubige gewinnt. Das Masken-Aufsetzen hilft eigene Identität zu verstecken und eine neue, möglicherweise eine begehrte, aber vielleicht auch eine befürchtete anzunehmen, und auf diese Weise die Konfrontation mit dem eigenen “Ich” jeweils zu vermeiden oder zu wagen.
Die von antiken Griechen übernommenen Masken vermögen auf einem überindividuellen Niveau sogar mehr: Sie haben die Macht, die gesellschaftlichen Unterschiede für die Zeit des Karnevals aufzuheben und so die Menschen demokratisch gleichzuschalten, ohne auf die negativen Konotationen dieses Wortes zurückgreifen zu wollen. Der König wird zum Bettler und umgekehrt, und die vertrauten gesellschaftlichen Rollen werden vertauscht.
Die Einwohner der Stadt scheinen mit den gelockerten Karnevalbräuchen gut umgehen zu können. Der deutsche Schriftsteller Wilhelm Heinse beschrieb 1783 in seinem Tagebuch die Frauen aus dem venezianischen Karneval folgendermaßen:
"Die Venezianerinnen sind gewiss reizende Geschöpfe und ganz gemacht zur Wollust. So bald sie nur einen Jüngling ansehen, scheint eine bräutliche Schaamröthe um ihren Mund herum in einem wollüstigen Lächeln aufzugehen [.
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